St. Helena
22. Juni 1815 - Zweite Abdankung
Als Napoleon nach der vernichtenden Niederlage bei Waterloo am 21. Juni 1815 wieder im Palast von Élysée in Paris eintraf, fand er eine völlig veränderte politische Lage vor. Bei den Abgeordnetenkammern stieß sein Vorhaben, eine allgemeine Mobilmachung auszurufen und den Kampf gegen die vorrückende VII. Koalition fortzusetzen, auf eisernen Widerstand. Unter der Führung von Parlamentsgrößen wie dem Marquis de La Fayette drohten die Parlamente dem geschlagenen Kaiser nicht nur unverzüglich mit der Absetzung, sondern im Falle der Weigerung sogar mit der Festnahme.
Unter diesem unnachgiebigen Druck diktierte Napoleon am 22. Juni 1815 im Palast seine zweite und endgültige Abdankungserklärung. In einem letzten vergebliche Versuch, die Kontinuität seiner Dynastie zu wahren, proklamierte er gleichzeitig seinen erst vierjährigen Sohn Napoleon Franz Bonaparte unter dem Titel „Napoleon II.“ zum Kaiser der Franzosen. Die daraufhin gebildete provisorische Regierung unter der gerissenen Leitung des ehemaligen Polizeiministers Joseph Fouché nahm die Abdankung des Vaters zwar dankend an, schob die Frage nach der Nachfolge des Sohnes jedoch geschickt bei Seite und überließ das politische Schicksal Frankreichs vollkommen den siegreichen alliierten Großmächten.
In der Hoffnung, der drohenden Verhaftung durch die Bourbonen zu entgehen und ein Schiff zur Flucht in die Vereinigten Staaten zu besteigen, floh Napoleon nach Südwesten an die Atlantikküste, wo er am 29. Juni die bedeutende Hafen- und Werftstadt Rochefort erreichte. Da jedoch britische Kriegsschiffe die Flussmündung der Charente und den Golf von Biscaya lückenlos blockierten, entsandte Fouché die Anweisung, den ehemaligen Herrscher auf die vorgelagerte, nur etwa drei Kilometer lange und sechshundert Meter breite Insel Île d'Aix zu überführen und dort festzusetzen. Im Hauptort Le Bourg schlug Napoleon im Haus des Inselkommandanten, dem heutigen Maison de l’Empereur, seine letzten Tage auf französischem Boden auf, ehe er sich am 15. Juli der Besatzung des britischen Linienschiffs HMS Bellerophon ergab.
Die Neuordnung des Kontinents wurde schließlich am 20. November 1815 mit dem Zweiten Pariser Frieden besiegelt, den König Friedrich Wilhelm III. von Preußen, Kaiser Franz I. von Österreich und Zar Alexander I. von Russland mit dem geschwächten Frankreich schlossen. Dieser Vertrag verhängte nicht nur harte Gebietsverluste sowie Reparationszahlungen über das Land, sondern besiegelte auch endgültig die Restauration der Bourbonenmonarchie unter König Ludwig XVIII.
Bellerophon
Im Sommer 1815 spitzte sich die Lage für den geschlagenen Kaiser der Franzosen an der rauen Atlantikküste der Biscaya dramatisch zu. Das britische Linienschiff *HMS Bellerophon*, ein veteraanenhafter Veteran der Seeschlachten von Aboukir und Trafalgar, kreuzte unter dem umsichtigen Kommando von Captain Frederick Lewis Maitland in den Gewässern vor der Île-d’Aix und der Hafenstadt Rochefort. Als die mächtige Blockadelinie durch weitere kleinere Kriegsschiffe der Royal Navy verdichtet wurde, schrumpfte die Chance einer heimlichen Flucht nach Amerika auf ein absolutes Minimum zusammen; die französische Westküste glich einer Mausefalle.
Währenddessen entschied sich das Schicksal der Nation im Landesinneren. Paris hatte bereits am 3. Juli vor den alliierten Truppen kapituliert, und nur fünf Tage später zog König Ludwig XVIII. unter dem Schutz fremder Bajonette feierlich wieder in die Hauptstadt ein. Vor die Wahl gestellt, seinen bittersten Feinden ausgeliefert zu werden, reifte in Napoleon der Entschluss, bei den Briten um politisches Asyl nachzusuchen. Eine ehrenvolle Zuflucht im Exil auf dem britischen Landgut schien ihm weit erstrebenswerter als der sichere Tod durch ein Erschießungskommando der rasenden royalistischen Bilderstürmer oder das Risiko, den vorrückenden preußischen Truppen unter Feldmarschall Blücher in die Hände zu fallen.
In den frühen Morgenstunden des 14. Juli verfasste er auf der Île-d’Aix jenen berühmten Brief an den britischen Prinzregenten George, in dem er sich mit dem Schicksal des antiken Themistokles verglich und sich an den Herdrand des britischen Volkes flüchtete. Trotz der eindringlichen Warnungen seiner treuesten Weggefährten, die den Briten tief misstrauten, bestieg Napoleon am folgenden Morgen die *Bellerophon*. In seinem Gefolge befanden sich unter anderem der treue Grand Maréchal Bertrand mit seiner Ehefrau, das Ehepaar Montholon, der Aktenkundige Emmanuel de Las Cases, sein treuer Kammerdiener Marchand sowie eine kleine Schar loyaler Bediensteter.
Die *Bellerophon* lichtete den Anker und steuerte über den Ärmelkanal die englische Südküste an. Zunächst ankerte das Schiff in der malerischen Bucht von Torbay nahe Torquay, bevor es weiter nach Plymouth verlegt wurde. Ein Betreten des englischen Bodens wurde dem einstigen Beherrscher Europas strikt verwehrt. Stattdessen verwandelte sich die Küste in ein Spektakel: Hunderte Schaulustige mieteten kleine Ausflugsboote, um im Hafenbecken einen begehrten Blick auf den gefallenen Titanen zu erhaschen, der sich gelegentlich an der Reling zeigte.
Die britische Regierung dachte jedoch nicht daran, den romantischen Asylgesuch zu gewähren. Sie berief sich strikt auf die Ächtungserklärung des Wiener Kongresses vom März 1815, die Bonaparte zum Friedensbrecher und Vogelfreien erklärt hatte. Am 31. Juli überbrachte man ihm die unerbittliche Botschaft, dass er kein Asylant, sondern ein Kriegsgefangener der Alliierten war. Bereits am 7. August wurde er vor der Küste von Berry Head auf die größere *HMS Northumberland* transferiert. Zwei Tage später setzte der Verband schließlich Segel in Richtung Südost – auf eine monatelange Reise in die bittere Isolation der winzigen, vulkanischen Atlantikinsel St. Helena.
Napoleon on Board the Bellerophon - William Quillen Orchardson (1832 - 1910)
Dezember 1815 - Longwood
Im Dezember 1815 wurde ihm Longwood, eine Meierei auf der Hochebene der Insel, als vorläufige Wohnung angewiesen. Bereits 1815 begannen die Pläne für die Errichtung eines größeren Domizils für den ehemaligen Kaiser, denn das von jetzt an Longwood Old House genannte Gebäude war immer nur als Übergang gedacht. Nachdem er die Erschöpfung der letzten Monate überwunden hatte, wurde ihm sein Aufenthalt bald unerträglich. Seine Ungeduld und Reizbarkeit ließ er an dem Gouverneur Sir Hudson Lowe aus, der durch die Befehle der Großmächte zu strenger Bewachung gezwungen war.
Seine Umgebung schmiedete fortwährend Fluchtpläne und forderte durch Versuche, mit Europa geheime Verbindungen anzuknüpfen, und durch maßlose Ansprüche scharfe Gegenmaßregeln Lowes heraus, über die man sich dann mit lauten Klagen beschwerte, bis Lowe alle Gefährten Napoleons, außer Bertrand und Montholon, von St. Helena entfernte.
Als man Napoleon nicht mehr erlauben wollte, ohne militärische Aufsicht ins Freie zu gehen, verließ er seine Wohnung nicht mehr. Meist beschäftigte er sich mit dem Diktieren der "Mémoires de Ste-Hélène", in denen er sein Leben, seine Absichten und Taten so darstellte, wie er sie von der Nachwelt aufgefasst wissen wollte, und sich mit dem erlogenen Schein der Vaterlands- und Freiheitsliebe und des Strebens nach der höhern Zivilisation der Menschheit umhüllte.
Anfang 1820 war Longwood New House fertig gestellt, doch Napoleon weigerte sich umzuziehen. Als Begründung diente ihm ein Eisenzaun, der einen unansehnlichen alten Holzzaun ersetzen sollte, welcher ihn an einen Gefängniszaun erinnerte. Longwood New House wurde kurz nach dem zweiten Weltkrieg abgerissen.
5. Mai 1821 - Der Adler schließt die Augen
Am 5. Mai 1821 starb Napoleon in Longwood. Sein Leichnam wurde an der von Napoleon vorab selbst gewählten Stelle im Tal Stane feierlich beigesetzt.
Fast zwanzig Jahre nach Napoleons Tod auf St. Helena, wurden am 15. Oktober 1840 Napoleons sterbliche Überreste durch den Prinzen Joinville in königlicher Mission exhumiert und am 08. Dezember auf der Fregatte «La belle Poule» nach Frankreich überführt.
Mit feierlichem Staatsakt fand der grosse Franzose am 15. Dezember 1840 im Invalidendom zu Paris seine letzte Ruhestätte.
Death of Napoléon - Charles de Steuben (1788 - 1856)






