|
Die Jahre von 1806 bis 1812 bilden praktisch den "Höhepunkt" der napoleonischen Epoche. Im Dezember 1805 schlug Napoleon bei Austerlitz die dritte Koalition und sein Name wurde bis in den letzten Winkel Europas bekannt. Frankreich wuchs zu seiner größten Ausdehnung heran. Napoleon stieg immer Höher und dachte nicht im Geringsten an einen möglichen Fall. Während er in diesen sechs Jahren oft an den Rand einer Niederlage geriet, und sein Ruf des Unbesiegbaren langsam schmolz, überschätze er sich und seine Möglichkeiten im Jahr 1812 zu deutlich und wagte den wahnsinnigen Angriff auf Russland. Eugen Beauharnais wurde Vizekönig von Italien, Joseph Bonaparte wurde König von Neapel, Ludwig Bonaparte König von Holland, Napoleons Schwager Joachim Murat Großherzog von Berg; seine Schwester Elise erhielt Lucca, Massa und Carrara, seine Schwester Pauline Guastalla. Ein Familienstatut vom 31. März 1806 erklärte Napoleon, obwohl er nicht der Älteste Sohn war, zum Oberhaupt der Familie. In Deutschland wurde auf seine Initiative im Juli 1806 der Rheinbund gegründet. Dieser Bund deutscher Fürsten, die aus dem Verband des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation austraten, war in erster Linie ein Militärbündnis. Frankreich verfügte fortan über sämtliche militärischen Kräfte des Rheinbundes. Auch wenn die untergeordneten Länder, vier Königreiche, fünf Großherzogtümer, dreizehn Herzogtümer, siebzehn Fürstentümer und die Hansestädte Hamburg, Lübeck und Bremen, große Kontributionen leisten mussten, führte diese Neuordnung doch zu einer Modernisierung in Wirtschaft und Verwaltung und einem Ende der habsburgerischen Dominanz über den ehemaligen deutschen Flickenteppich. Wenige Tage später legte Franz I. die Kaiserkrone nieder und erklärte gleichzeitig das Heilige Römisches Reich für beendet. Dies geschah keinesfalls freiwillig. Vielmehr wurde Österreich durch ein Ultimatum an den österreichischen Gesandten in Paris, General Vincent, dazu gezwungen. Sollte Kaiser Franz nicht bis zum 10. August abdanken, so würden französische Truppen Österreich angreifen. Der Kaiser überschritt deutlich seine Kompetenzen als er nicht nur die Krone niederlegte, sondern das Reich auflöste. Damit wollte er Napoleon zuvorkommen, der Ambitionen hatte die Krone nach Frankreich zu holen. Am 26.8.1806 erhielt Napoleon ein preußisches Ultimatum in dem er aufgefordert wurde bis zum 8. Oktober seine Truppen über den Rhein zurückzuziehen. Der Zeitpunkt ist äußerst ungeschickt gewählt, denn ein Großteil der französischen Armee befand sich noch in Deutschland. Die russische Armee war weit nach Osten marschiert und konnte nicht rechtzeitig eingreifen. Österreich war über die Zurückhaltung Preußens während der dritten Koalition, die bei Austerlitz zerschlagen wurde, verstimmt und gedachte diesmal selbst dem Unglück zuzuschauen. Napoleon dachte nicht daran seine Truppen zurückzuziehen und bereitete sich auf den Krieg gegen Preußen vor. Napoleon traf am 28. September in Mainz ein. Hier erfuhr er, dass ein Kurier aus Berlin durchgereist und auf dem Weg nach Paris war. Noch hatte er keine formelle Kriegserhaltung aus Berlin erhalten. Die Überschreitung der sächsischen Grenzen würde er als Kriegserklärung ansehen. Er wusste zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass die Preußen tatsächlich bei Dresden über die Elbe gegangen waren. Am 8. Oktober 1806 übertraten französischen Soldaten die Grenze von Sachsen. Friedrich Wilhelm III. erklärte Frankreich am 9. Oktober 1806 den Krieg. Am 10. Oktober 1806 kam es zu der Schlacht bei Saalfeld. Napoleon war sehr schnell vom Main aus in Richtung Berlin marschiert. Während sich Preußen und Sachsen östlich der Saale versammelten, sollte Prinz Louis Ferdinand von Preußen den Weg nach Berlin decken. Bei Saalfeld wurde das Korps von Louis Ferdinand zerschlagen, der Prinz selbst fiel an diesem Tag. Am 12. Oktober beschlossen die Verbündeten der Entscheidungsschlacht auszuweichen. Die Russen waren schon auf dem Weg und gemeinsam hatte man eine Chance Napoleon zu schlagen. Um nicht von Berlin abgeschnitten zu werden, zogen sie weiter nach Norden. Das Korps des preußischen Generals Friedrich Ludwig Fürst zu Hohenlohe-Ingelfingen blieb bei Jena stehen um den Rückzug zu decken. Keine Seite ahnte, dass es dort zwei Tage später zur großen Schlacht kommen sollte. Der Sieg von Jena am 14. Oktober 1806 lieferte Napoleon mit einem Schlag Preußen in die Hände. Nachdem Napoleon in Potsdam am Grab Friedrichs II. weilte, hielt er am 27. Oktober seinen Einzug in Berlin, von wo er am 2l. November das Dekret über die Kontinentalsperre erließ. In Polen, wo ihm die Preußen zu Hilfe kommenden Russen entgegentraten, geriet sein Siegeszug im Winter von 1806 bis 1807 ins Stocken, und bei Preußisch-Eylau am 7. und 8. Februar erfocht Napoleon trotz ungeheurer Verluste keinen Sieg. Bei Friedland brachte er am 14. Juni den Russen eine entscheidende Niederlage bei, worauf er mit Kaiser Alexander am 25. Juni auf der Memel die denkwürdige Zusammenkunft inmitten des Flusses hatte. Beide Fürsten trafen sich auf zwei Flössen, während der preußische König vom Ufer zusehen durfte. Den Versuch der preußischen Königin Luise, für ihr Land günstigere Bedingungen zu erlangen, wies er zurück. Indem er Preußen zwang, die Hälfte seines Gebiets abzutreten, und drückende Lasten auferlegte, zog er sich selbst einen unversöhnlichen Feind groß. Dies sollte sich 1813 rächen. Nachdem er 1807 Portugal hatte besetzen lassen, weil es England nicht seine Häfen sperrte, benutzte er 1808 den in der spanischen Königsfamilie ausgebrochenen Streit zwischen Karl IV. und seinem Sohn Ferdinand VII., um beide im Mai zu Bayonne zum Verzicht auf den Thron zu bewegen, den er darauf seinem Bruder Joseph verlieh, während Murat König von Neapel wurde. Aber in Spanien stieß er bei dem stolzen, streng katholischen Volk auf ungeahnte Schwierigkeiten, die mit der Kapitulation eines französischen Heers bei Baylen (21. Juli) endete. Die Erhebung des spanischen Volkes und das Eingreifen der Engländer unter Wellington, die nach der Vernichtung der letzten französischen Flotte bei Trafalgar (1805) nun auch auf dem Kontinent dem französischen Kaiser entgegenzutreten vermochten, rieben Napoleons Kräfte auf, ohne dass es ihm gelang, die Pyrenäenhalbinsel dauernd zu erobern. Nachdem Joseph aus Madrid geflohen war und Wellington die Franzosen aus Portugal vertrieben hatte, erneuerte Napoleon sein Bündnis mit Kaiser Alexander auf der Zusammenkunft in Erfurt (27. Sept. bis 14. Okt. 1808), auf der die Rheinbundsfürsten teils selbst erschienen, teils sich durch ihre Thronerben vertreten ließen, und auf welcher der Imperator seinen Mangel an Erziehung durch empörenden Übermut selbst gegen Alexander bewies. Darauf eilte er mit 80.000 Mann, meist Rheinbundtruppen, nach Spanien, setzte Joseph am 4. Dezember in Madrid wieder als König ein und drängte die in Spanien eingefallenen Engländer nach Valladolid zurück, sah sich dann aber durch die Nachricht von Österreichs drohenden Rüstungen genötigt, umzukehren. Napoleon führte den Krieg gegen Österreich 1809 wieder mit gewohnter Energie und Schnelligkeit, trieb die Österreicher bei Regensburg in fünftägigen Kämpfen (19.-23. April) mit einem Verlust von 50.000 Mann nach Böhmen zurück; zog am 13. Mai zum zweiten Mal in Wien ein, und nachdem er nach der Niederlage bei Aspern (21. und 22. Mai) eine schwere Krise infolge der Untätigkeit seines Gegners glücklich überwunden hatte, brachte er durch den Sieg bei Wagram (5. und 6. Juli) den Krieg im Frieden von Wien (14. Oktober 1809) zum günstigen Abschluss. Der unglückliche Verlauf des Kriegs in Spanien, die Erhebung Tirols unter Andreas Hofer, die Aufstandsversuche in Deutschland und das Attentat von Staps (12. Oktober) hätten Napoleon auf die erwachenden nationalen Kräfte aufmerksam machen könne. Der Kirchenstaat wurde 1809 mit dem Kaiserreich vereinigt und der dagegen protestierende Papst nach Frankreich abgeführt. Nachdem 1810 auch Holland und die deutschen Nordseeküsten einverleibt worden waren, erstreckte sich das Kaiserreich bis zur Ostsee und den Ionischen Inseln, umfasste 130 Departements, und, die Vasallenstaaten eingerechnet, verfügte Napoleon über 100 Millionen Mensche. Um dies ungeheure Reich an einen Sohn zu vererben und so seine Zukunft zu sichern, ließ er durch einen Senatsbeschluss vom 15. Dezember 1809 seine kinderlose Ehe mit Josephine scheiden und vermählte sich am 1. April 1810 mit der Erzherzogin Marie Luise, der Tochter des Kaisers Franz I., die ihm am 20. März 1811 einen Sohn gebar, der bei seiner Geburt den Titel eines Königs von Rom empfing. Napoleon glaubte das Reich Karls des Großen erneuert und für seine Dynastie gesichert zu haben. Die letzten Freiheiten der Revolution wurden beseitigt, die alte Hofetikette, der Erbadel, die Zensur, ja auch die " Lettres de cachet" wiederhergestellt. Russland wollte sich die Kontinentalsperre nicht länger gefallen lassen und hob sie teilweise auf. Napoleon gönnte Russland die Eroberung Finnlands und seine Erfolge im Türkenkrieg nicht und beleidigte Alexander durch die Annexion Oldenburgs, des Fürstentums seiner Verwandten. Mit 450.000 Mann, der Großen Armee, überschritt er am 24. Juni 1812 den Niemen und drang in das Innere Russlands ein. Da die Russen sich defensiv verhielten und nur Rückzugsgefechte lieferten, erreichte Napoleon Mitte August Smolensk, wo er den Russen am 17. August eine siegreiche Schlacht lieferte. Aber die rasche Abnahme, ja Auflösung seiner Heeresmassen durch Entbehrungen, Krankheiten und Gefechtsverluste mussten ihn mit Besorgnis erfüllen. Dennoch riss ihn die Hoffnung, durch die Eroberung Moskaus Alexander zum Frieden zu bewegen, vorwärts, und nach dem blutigen Sieg bei Borodino an der Moskwa am 7. September zog er am 14. September in Moskau ein. Der von den Russen selbst angelegte Brand der Stadt machte die Winterquartiere dort unmöglich, und nachdem er einen Monat vergeblich die Antwort auf seine Friedensanträge aus Petersburg erwartet hatte, trat er am 19. Oktober mit seinem erschöpften Heer von 100.000 Mann den Rückzug von Moskau an, der infolge des frühen Winters, des Mangels an Lebensmitteln und der energischen russischen Verfolgung mit dem Untergang der Großen Armee endete. Mit 40.000 Mann und wenig Geschützen erreichte Napoleon am 9. November Smolensk; die Kämpfe beim Übergang über die Beresina zwischen dem 25. und 28. November vollendeten die Auflösung des Heers, von dem nur 15.000 Mann Wilna erreichten. Von hier eilte Napoleon in einem Bauernschlitten über Warschau und Dresden nach Paris, wo er am 19. Dezember angelangt, sofort neue Aushebungen befahl und nur einen ehrenvollen und Frankreichs Größe angemessenen Frieden zu schließen erklärte.
Die Grafik Carte figurative des pertes successives en hommes de l'Armée Française dans la campagne de Russie 1812-1813 von Charles Joseph Minard gehört nicht nur zu den frühesten, sondern auch zu den besten Infografiken aller Zeiten. Sie zeigt Position und Marschrichtung der Armee, die Abspaltung und Wiedervereinigung von Truppenteilen, die deutlich abnehmende Truppenstärke und die Temperaturen während des Rückzugs. Quellen: Ich, der Kaiser - Napoleon Bonaparte Napoleon. Revolutionär und Monarch. Eine Biographie - Roger Dufraisse Napoleon. Stratege und Staatsmann. - Vincent Cronin
|